Geschichte und Philosophie II


Philosophie

Ayurveda ist ein Zusammenzug von Ayus = Leben und Veda = Wissen. Er versteht den Menschen als eine unteilbare Einheit von Körper, Geist und Seele, welcher denselben Gesetzmässigkeiten untersteht wie seine Umwelt und der ganze Kosmos, dessen integraler Bestandteil er ist. Seine Essenz ist die Seele, ein Teil der universellen Seele göttlicher Natur, welche in jedem Individuum sowie in jedem Ausdruck der Schöpfung vorhanden ist. Das philosophische und spirituelle Verständnis des Ayurveda ankert in den 6 Standardwerken der vedischen Philosophie (Nyaya, Vishesha, Samkhya, Yoga, Mimamsa, Vedanta), welche als 6 komplementäre Perspektiven dem Menschen ein vollständiges Verständnis der fein- und grobstofflichen Phänomene vermitteln.

Ayurveda definiert Gesundheit als physisches, psychisches und spirituelles Gleichgewicht des Menschen in Harmonie mit seiner sozialen und natürlichen Umwelt.

Als Medizinsystem vermittelt Ayurveda dem Menschen einerseits die Kenntnis seiner selbst, die für die Erhaltung seiner Gesundheit unentbehrlich ist, und andererseits eine differenzierte und vollständige Medizinkunst, die es ermöglicht, physiopathologische Störungen im Organismus zu beheben und so die Gesundheit wieder herzustellen, oder zumindest den Krankheitsprozess rückgängig zu machen oder in seiner Entwicklung zu stoppen. Wo dies nicht möglich ist, hat Ayurveda palliative Mittel zur Erhaltung oder sogar zur Verbesserung der Lebensqualität zu bieten.


Moderne Geschichte

Obwohl Ayurveda während der Invasionen und Kolonisationen der indischen Geschichte, welche bis auf den Beginn unserer Zivilisation zurückschaut, Konkurrenz erfuhr oder sogar unterdrückt wurde, hat er seine Substanz nie verloren. Dank der Qualität der mündlichen Überlieferung und der Standardwerke blieb er in seiner lebendigen Essenz und seinen Grundprinzipien erhalten. Mit der Unabhängigkeitsbewegung Indiens wurde Ayurveda im Lande neu institutionnalisiert, jedoch nach westlichen Kriterien. Er entwickelt sich seither gleichzeitig traditionnel und modern weiter. Die grösste Standesorganisation der traditionellen Ärzte (Vaidya), der All India Ayurveda Congress, zählt 300'000 Mitglieder und seit 1978 vereinen sich die modern universitär ausgebildeten Ärzte in der Ayurveda Medical Association of India (AMAI).

Laut indischer Regierung nehmen 70% der Bevölkerung Indiens – welche selber 1/6 der Weltbevölkerung ausmacht – Ayurveda in Anspruch. Die Fakultäten für Ayurveda-Medizin verleihen den BAMS (Bachelor of Ayurvedic Medicine and Surgery) nach zwei Jahren Vorstudium der Naturwissenschaften (ausseruniversitär) und fünfeinhalb Jahren Universitätsausbildung in Ayurveda und in den Grundlagen der modernen westlichen Medizin. Dieser Studiengang kann durch einen Master’s Degree und danach durch einen PhD ergänzt werden. Diese Zusatzausbildungen dauern drei, respektive zwei Jahre, mit Schwerpunkt auf Forschung und Lehrtätigkeit. 

In mehreren anderen Ländern wie Sri Lanka, Nepal, Indonesien und auf Mauritius ist Ayurveda als offizielles Medizinsystem anerkannt.

Nach einer Pionierphase in den Jahren 1980 bis 2000, während der  Yogis wie Maharishi Mahesh Yogi und Sri Sri Ravi Shankar
Ayurveda in den Westen brachten, wurde diese Disziplin seit den 90er Jahren vor allem im Wellness-Bereich bekannt, wo sie in den Sektoren Tourismus und SPA gefördert wurde. Vor dem Jahr 2000 wurde Ayurveda-Medizin in Europa nur durch vereinzelte indische Ärzte unterrichtet. Seit Beginn des neuen Jahrtausends gibt es jedoch mehr Ayurveda-Ärzte, die ihr Wissen in verschiedenen Berufsschulen in Europa und den USA weitervermitteln.

Die Ayurveda-Medizin als vollständiges System gewinnt dank ihrer klinischen Resultate – nicht nur in präventiver, sondern auch in kurativer Medizin – und dank ihrer Umweltfreundlichkeit und ihrem erzieherischen Potential mehr und mehr an Achtung. Die indische Regierung heisst diese Entwicklung in der westlichen Welt willkommen und ist bereit, die internationalen Ayurveda-Vertreter zu unterstützuen in ihren Bemühungen, Ayurveda als Medizinsystem ausserhalb von Indien zu fördern.

(Mehr darüber: moderne Entwicklung)